77. Jahrestagung der DGPT

Referent:innen der Parallelveranstaltungen

Samstag, 26.09.2026 von 15:00 bis 18:30 Uhr

PV 1.1 Fremdheit und Herkunftsscham

Dr. phil. Gregor Luks

Nationale Identitäten können als äußerst konflikthaft und schambesetzt erlebt werden – dies ist in Deutschland seit dem Nationalsozialismus und v.a. seit dem Kriegsende von 1945 zu einem häufigen gesellschaftlichen sowie individuellen Phänomen geworden.
Auch russischstämmige Menschen erleben spätestens seit dem Beginn des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine vom 24. Februar 2022 erneut (nach der Zeit des Bolschewismus und des Stalinismus) oftmals eine solche konfliktgeladene Scham in Bezug auf ihre nationale Herkunft. Diese Scham kann außerhalb Russlands auch von außen gefördert werden, wenn russischstämmige Menschen pauschal gleichgesetzt werden mit den Handlungen und Sichtweisen des russischen Staates.
Wie lässt sich umgehen mit einer solchen Herkunftsscham? Was lässt sich ihr entgegensetzen? Zu diesen und ähnlichen Fragen möchte der Vortrag aus einer sehr persönlichen (weil selbst betroffenen) Perspektive heraus Stellung beziehen und in eine gemeinsame Diskussion treten. Hierfür sollen auch psychoanalytische Scham-Konzeptionen zu Rate gezogen werden.

Dr. med. Christine Fresen

Von 1950 – 2024 kamen laut Bundesverwaltungsamt 4.580.452 Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, offiziell als Aussiedler und Spätaussiedler bezeichnet, nach Deutschland. Ein Großteil ihrer Vorfahren war unter Stalin aufgrund ihrer deutschen Wurzeln von Deportation, Umsiedlung und Ermordung betroffen. Es ist eine kollektiv leidvolle Geschichte von Tod, Verlust, Hunger, Zwangsarbeit und tiefer Demütigung, der in den meisten Familien aus Angst vor Selbstverlust mit Verleugnung und Sprachlosigkeit begegnet wurde. In der Sowjetunion wurden diese Menschen nach dem zweiten Weltkrieg als „Faschisten“ beschimpft und nach der Migration nach Deutschland als „Russen“ erneut Beschämungen ausgesetzt. Aus der Fremde in die Fremde. Die häufige Überanpassung sowie die Verleugnung psychischer Belastungen – wie in der Sowjetunion üblich – führt dazu, dass viele erst nach langjährigen Somatisierungen den Weg in die psychotherapeutische Behandlung finden. Hier stellen dann die Scham durch die doppelte Fremdheitserfahrung, die unverarbeiteten traumatischen Trennungserfahrungen sowie der häufig autoritäre Erziehungsstil besondere Herausforderungen dar. In dem Beitrag sollen relevante geschichtliche Aspekte vermittelt werden, durch klinische Fallbeispiele eine Annäherung an die (kollektive) Psychodynamik erfolgen sowie eine Diskussion über die daraus resultierende therapeutische Indikation (Gruppenpsychotherapie vs. Einzelpsychotherapie) und therapeutische Haltung angestoßen werden.

PV 1.2 Geheimnis und Sichtbarwerden

Dorothee Warth & Sonja Memarzadeh

In erster Linie möchten wir uns aus einer klinischen Perspektive der Figur der „entblößten Analytikerin“ widmen. Dabei sollen ausgewählte Fallvignetten wie auch einzelne Bezüge zu (kultur-)theoretischen Überlegungen, etwa zu dominanten Mutterbildern und daraus resultierenden normativen Erwartungen als Grundlage für eine gemeinsame Untersuchung spezifischer Scham- und Schamabwehrprozesse im psychotherapeutischen Raum dienen. Die Schwangerschaft der Behandlerin als eine konkret-leibliche wie auch immatrielle Form der Grenzauflösung kann Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamiken verdichten und verändern. Ängste vor und Fantasien von weiblicher Potenz, Konkurrenz und deren Abwehr erscheinen im Hinblick auf den analytischen Prozess besonders zentral. Wir verstehen diese veränderte Sichtbarkeit nicht als Störung sondern eher als einen Erkenntnisraum und wollen uns fragen, auf welche Weise, auf welcher Seite der therapeutischen Dyade Scham mobilisiert wird und was für eine Bedeutung diese besondere Konstellation für die Behandlungstechnik haben kann. Schließlich werfen wir auch einen Blick auf den Ausbildungskontext, da eine Schwangerschaft für werdende Psychoanalytikerinnen und Psychodynamikerinnen häufig in diese Zeit fällt und besondere Herausforderungen wie Potenziale mit sich bringt.

Martin Zandanell

„Es gibt mich gar nicht.“ Das sind die Worte von Holly Golightly, Hauptfigur des Filmklassikers `Frühstück bei Tiffany´ (1961). - Nachdem wir über eine ganze Spielfilmlänge sehen konnten, wie sie in schamlos-bezaubernder Weise versucht einen Millionär zu finden, der sie in ein unbekanntes, doch besseres Leben führe, gesteht sie am Ende einem mittellosen Verehrer ihre gefühlte Nicht-Existenz: Es gibt mich gar nicht! - Ihre Antwort auf seine Liebeserklärung.

Wir sehen das Agieren einer jungen Frau auf der Suche nach einem Selbstobjekt, das sie aus ihrer Nicht-Existenz erretten möge, und damit selbst das betrogene Objekt würde, betrogen um Liebe und wirkliches Gewollt-sein, betrogen wie sie selbst. – Holly findet den Millionär nicht, so wie viele solche Menschen ihr rettendes Objekt nicht finden, ja, vielleicht sogar zerstören, zur Vergewisserung ihres Ungewollt-seins.

Das `Un´ des Un-Gewollten erscheint hier in direkter Korrespondenz zum `Un´ des Un-Bewussten. – Nicht selten erreichen uns Einsichten, dass diesen Menschen/Kindern nur eine unwahre Geschichte erzählt wurde, wer sie sind, woher sie stammen. Eine Existenzlüge. - Eigene Scham wurde in Schamlosigkeit verkehrt, auf beiden Seiten, und damit ein Raum unsicherer Besetzung geschaffen, der alles eröffnet: von rücksichtslos-narzisstischem Streben um Anerkennung, über selbstentwertende Wendungen gegen den eigenen Körper, bis hin zur möglichen Vernichtung des Anderen in der Delinquenz.

PV 1.3 Scham in der Extremismus-Ausstiegsberatung

Dorothee Warth, Clara-Sophie Adamidis, Dennis Heiler 
nexus – Psychotherapeutisch-Psychiatrisches Beratungsnetzwerk | Charité – Universitätsmedizin Berlin

Das Projekt nexus an der Charité Berlin arbeitet seit vielen Jahren interdisziplinär im Bereich der sekundären und tertiären Radikalisierungsprävention und ergänzt die Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit um psychodynamisch-psychotherapeutische Perspektiven. Anhand von Fallvignetten aus diesem Bereich sowie aus dem Haftkontext, wird aufgezeigt, welche zentrale Rolle Scham, aber auch ihr Fehlen, in der Entwicklung extremistischer Ideologien spielen kann. Übersteigt erlebte Scham die individuellen Möglichkeiten zur Integration, etwa vor dem Hintergrund unzureichend stützender Objektbeziehungen, können Spaltungsmechanismen und Projektive Identifizierung an Bedeutung gewinnen und Radikalität/Radikalisierung fördern. In anderen Fällen kann Scham hingegen gar nicht erst erlebt werden, wodurch diese nicht als Regulator von Nähe und Distanz in Beziehung hilft, sondern fehlt – die so ermöglichte Distanzlosigkeit kann auch die Bedeutung von Gewalt am Andern verändern. In den vorgestellten Fällen zeigt sich, wie Objektbeziehungserfahrungen, soziale Kränkungen und institutionelle Ausschlusserlebnisse sowie die spezifischen Erfahrungen im Haftsetting, den Druck zur Externalisierung verstärken. Der Beitrag diskutiert, wie Scham in der therapeutischen Beziehung auftauchen, erlebt, verstanden, gemeinsam ausgehalten und transformiert werden kann. So können wichtige Voraussetzungen dafür entstehen, dass sich Psychisches bildet, die Abwehr entweder entstehen oder nachlassen kann und so nachhaltige Deradikalisierungssprozesse begleitet werden.

PV 1.4 Schamlosigkeit als politische Strategie

Gudrun Brockhaus

Medienpolitik und öffentliche Auftritte extremistischer Populisten sind durch „bad manners“, Tabubrüche, Vulgarität, Zynismus, Häme, Verachtung, Beschämung und Missachtung von Anstand und Regeln der Kommunikation geprägt. Politische Gegner und ausgegrenzte Gruppen werden zu Volksfeinden erklärt, im Kampf gegen sie sind alle Mittel erlaubt. Die permanenten regressiven Grenzüberschreitungen werden mit vollkommener Schamlosigkeit vollzogen. Stolz werden sie als Ausweis der eigenen anti-elitären volksnahen Authentizität und des Mutes gegenüber dem Establishment idealisiert. Wie lässt sich die Dynamik und Wirkung dieser destruktiven Performanz verstehen?

PV 1.5 Behandlungstechnische Überlegungen zur Scham

Dr. Ingrid Erhardt

Der Schamaffekt wurde in der Psychoanalyse über Jahrzehnte vernachlässigt. Einerseits wird der innerpsychische Aspekt der Scham betont, gleichzeitig wird hervorgehoben, dass es sich um ein intersubjektives Phänomen handelt. Analytiker würden die Beschäftigung mit der Scham in der Analyse meiden, so viele Autoren, da sie bei ihnen selbst auch unangenehme Empfindungen auslöse. Insbesondere das Thema der Beschämung kommt in der Literatur zu kurz oder wird als Gegenübertragung abgehandelt. Der interpersonelle Aspekt und wie diese Erfahrungen verinnerlicht und meist nicht verarbeitet wurden sind insbesondere im Zusammenhang mit Bindungspersonen von zentraler Bedeutung für die psychische Entwicklung. Dabei berichten Patienten nicht nur aus der Biographie, sondern auch wie sie in früheren Erstgesprächen oder Therapien beschämende Erfahrungen machen mussten. Aber sprechen sie auch aus, wenn sie sich in ihrer aktuellen therapeutisch-analytischen Beziehung beschämt fühlen? Vermutlich zeigt sich das gerade, indem sie verstummen und sich zurückziehen, Stunden absagen, über scheinbar Belangloses sprechen, die Therapie beenden wollen oder tatsächlich abbrechen. Und die Befürchtung, Patienten erneut zu beschämen, könnte dazu führen schambesetzte Themen zu vermieden, wodurch wesentliches Material unbewusst und unbearbeitet bleibt. Anhand von Fallvignetten werden verschiedene oftmals übersehene Beschämungssituationen dargestellt und Ansätze, wie diese der Bearbeitung zugänglich gemacht werden können zur Diskussion gestellt.
 

Dipl.-Psych. Helge Jannink

Alltagssprachlich, aber auch in psychoanalytischen Publikationen, wird selten bzw. wenig trennscharf zwischen Scham und Beschämung unterschieden, obwohl Beschämung nur ein, wenn auch besonders unangenehmer Aspekt von Scham ist. Eine Ausnahme stellt Günter H. Seidlers Schrift Der Blick des Anderen dar, in der er Scham als einen Grenzbegriff zwischen Intimität und Beschämung konzipiert. Auf Seidlers Konzept aufbauend möchte ich mich dem Auftauchen explizit sexueller Inhalte in der Behandlung zuwenden und die hohe Relevanz seiner Unterscheidung für das Themenfeld Sexualität zeigen.

PV 1.6 Behandlungstechnische Überlegungen zur Scham

Carolin Hansen, Lydia Kruska

Gegenübertragungsträume markieren in der psychoanalytischen Praxis eine sensible Schamgrenze: Sie können klinisch aufschlussreich sein und werden zugleich oft als zu privat und subjektiv erlebt, um im professionellen Rahmen geteilt zu werden. Der Beitrag nimmt diese Spannung auf und fragt nach historischen und institutionellen Bedingungen ihrer Schambesetzung. Im Zentrum steht die These, dass Scham nicht nur die Mitteilbarkeit begrenzt, sondern selbst Teil des klinischen Gehalts ist. Als Affekt verweist sie auf die Vulnerabilität der Therapeut:innen und markiert – besonders in krisenhaften Phasen des therapeutischen Prozesses – Irritationen der analytischen Haltung sowie Belastungen des Arbeitsbündnisses. 

Gegenübertragungsträume werden als Ausdruck eines intersubjektiven Geschehens im analytischen Feld verstanden: Sie zeigen noch nicht integrierte Affekte, Beziehungsspannungen und emotionale Verstrickungen an, die sich der unmittelbaren Symbolisierung entziehen. Zugleich können sie als Regulationsversuche gelesen werden, in denen Bezogenheit wiederhergestellt und Verstehen vorbereitet wird. Ihr klinisches Potenzial erschließt sich nicht trotz, sondern durch die mit ihnen verbundene Scham: Indem diese gehalten und reflektiert wird, eröffnet sie einen Zugang zu bislang „ungedachten“ Aspekten des analytischen Prozesses. Ausgewähltes Fallmaterial illustriert die klinische Einordnung.

PV 1.7 Scham und Erschrecken im künstlerischen Ausdruck

Dr. med. Kamyar Nowidi

Der Vortrag untersucht den Konnex von William Blakes vielfältigem Werk, der Counterculture-Bewegung des 20. Jahrhunderts und den Konzepten von Scham und Schamlosigkeit im künstlerischen Ausdruck. William Blake, ein innovativer Dichter und Grafiker im England des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, stellte in seinen Arbeiten die gesellschaftlichen Normen und moralischen Konventionen seiner Zeit vehement in Frage. Seine Verwendung von Schamlosigkeit als künstlerisches Mittel, um tiefere Wahrheiten und spirituelle Visionen zu entfalten, stellt einen fruchtbaren Kontext für die Analyse der Counterculture-Bewegung dar, die sich in den 1960er Jahren gegen etablierte Werte und autoritäre Strukturen wandte.

Durch die Analyse von Blakes Werken im Kontext der zeitgenössischen künstlerischen Bewegungen wird aufgezeigt, wie der Umgang mit Scham und die Akzeptanz von Schamlosigkeit als Mittel zur künstlerischen Befreiung und sozialen Kritik fungieren. Es wird dargestellt, wie weitreichend und profunde Blakes Einfluss auf die Counterculture-Bewegung gewesen ist. Die damit verbundenen Fragestellungen des künstlerischen Ausdrucks wurden für das Verständnis von Freiheit und Authentizität in der Kunst und Kultur der Moderne elementar.

Dr. med. Andreas Herrmann

Susan Sontag thematisiert in ihrem Essay die Wirkung die Kriegsbilder auf uns ausüben. Fotografien, die zeigen, was Menschen anderen Menschen antun, können bei uns Schamgefühle hervorrufen und sie verletzten oft die Schamgrenzen derjenigen, die in ihrer Not gezeigt werden. Dennoch können wir uns ihrer Faszination kaum entziehen. Die Frage, nach der Authentizität dieser Bilder, die uns von Krieg und Zerstörung abhalten sollen, wird dann häufig gar nicht mehr gestellt. Sigmund Freud hat in seinem Briefwechsel mit Albert Einstein festgestellt, dass alles, was die Kulturentwicklung fördert auch gegen den Krieg arbeiten würde. Gilt das auch für die Fotografie, insbesondere für die Kriegsfotografie, die eine Kulturtechnik darstellt, die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart enorm entwickelt hat? Sontags Auseinandersetzung mit der Wirkung der Illustration der vielen Kriege, für die uns heute massenhaft Fotografien vorliegen, macht deutlich, wie schwer es für uns ist, der „Realität der Welt“ und damit unserer eigenen Destruktivität ins Auge zu sehen. Sie zeigt, wie subjektiv Kriegsfotografien sind und problematisiert, in welchem Maß sie als authentisch gelten können. Bei aller Ambiguität ihrer diesbezüglichen Befunde appelliert sie an unsere Verantwortung, diese Bilder sprachlich zu kontextualisieren.

PV 1.8 Geschichtsforum

Dr. Steffen Dörre, Prof. Hans-Walter Schmuhl

Psychoanalyse und Geschichtswissenschaft interessieren sich beide für die Lebensgeschichten von Menschen. Sie teilen dabei die Annahme, dass es sich bei (Auto-)Biographien um Narrative handelt, die dem Leben rückblickend eine Bedeutung zuschreiben. Doch verfolgen Psychoanalyse und Historische Biographik bei der Dekonstruktion autobiographischer Narrative durchaus unterschiedliche Ziele: Die Psychoanalyse ist eher an der Erinnerung als an der Vergangenheit interessiert, Analytiker:in und Analysand:in fügen in einem interaktiven Prozess im Hier und Jetzt die Elemente der dekonstruierten Lebensgeschichte neu zusammen, um zu einem stimmigeren Narrativ zu gelangen. Das Hautaugenmerk der Geschichtswissenschaft ist darauf gerichtet, Verzerrungen bei der Verarbeitung des Erlebten im Prozess der Erinnerung auf die Spur zu kommen, überindividuelle Muster zu erkennen und ein möglichst unverstelltes Bild der Vergangenheit zu gewinnen.

Anhand markanter Beispiele – Harald Schultz-Hencke, Wilhelm Bitter, Walter Seitz, Alexander Mitscherlich und Tobias Brocher – fragen die Referenten nach Wegen, Biographien historischer Persönlichkeiten aus einem Fachbereich zu analysieren, in dem der lebensgeschichtliche Zugang von zentraler Bedeutung war und ist. Die Vorträge aus dem Geschichtsprojekt zur Gründungs- und Frühgeschichte der DGPT laden dazu ein, miteinander über die Chancen und Schwierigkeiten des biographischen Zugangs ins Gespräch zu kommen.

PV 1.9 Schamphänomene in der psychodynamischen Praxis

Dr. phil. Wolf-Detlef Rost

Kaum ein Krankheitsbild ist so schambesetzt wie die Sucht, besonders der Alkoholismus, abgesehen vielleicht von einigen Perversionen. Schon Saint Exupery hat das im Kleinen Prinzen vor vielen Jahren knapp und präzise auf den Punkt gebracht.
Das schamhafte Verbergen eines exzessiven Alkoholkonsums ist ein ernst zu nehmendes Problem, das zum Scheitern nicht weniger Psychoanalysen führt. Dabei gehen Analytiker und Patient mitunter eine unbewussten Messalliance ein, weil auch der Therapeut den Abusus des Patienten schamhaft übersieht, vielleicht auch unsicher hinsichtlich des eigenen Alkoholkonsums ist. Ich wurde mehrfach mit Patienten konfrontiert, die in einer früheren Analyse ihren inzwischen entgleisten Alkoholkonsum verschwiegen hatten und aus Scham nicht wieder zu diesem Therapeuten/Therapeutin wollten.
Auch in den betroffenen Familien wird der Alkoholismus oft schamhaft unter den Tisch gekehrt, besonders bei Migranten aus islamischen Ländern.
In Medizin wie Psychotherapie sind Süchtige so etwas wie die "Schmuddelkinder*, die ungern in Behandlung genommen werden. Auch bei Professionellen geistert noch die Idee von der "selbstverschuldeten Krankheit " durch die Köpfe.
Nicht zuletzt gibt es auch unter des Psychotherapeuten Alkoholiker, was natürlich von den Betroffenen, aber mitunter auch von den Instituten schamhaft verborgen und oft hilflos gehandhabt wird, meist weniger konsequent als etwa sexuelle Übergriffe.
 

Christiane Schrader

Schamerleben und Schamkonflikte, die zu Rückzug, depressiven Reaktionen oder Erkrankungen beitragen, manifestieren sich im Alter häufig als Konflikte mit dem eigenen Ich Ideal angesichts des Nachlassens eigener Fähigkeiten und körperlicher Veränderungen einschließlich der Attraktivität. Dies gilt sowohl im Selbsterleben im Vergleich mit dem verinnerlichten Blick/den inneren Objekten, als auch in Beziehungen und sozialen Situationen, in denen sich ältere und alte Mensch zeigen und dem Blick der anderen begegnen - oder sich unsichtbar fühlen. Im ersten Teil des Vortrags wird dies an einem klinischen Beispiel einschließlich behandlungstechnischer Implikationen ausgeführt. Im zweite Teil geht es um die die klinische Begegnung zwischen jüngeren Therapeut:innen und älteren Patient:innen. Dabei werden sowohl die möglichen Schamkonflikte der jungen Menschen behandelt, die angesichts der Älteren möglicherweise ein Moment der Verlegenheit erfasst, dieser Begegnung gewachsen zu sein. Nicht selten wird dieser Moment  überspielt und scheint sich dann „zu verlieren“ oder „keine Rolle mehr zu spielen“, wie mir ein junger Kollege in der Supervision erklärte. An Beispielen aus einem Seminar für Therapeut:innen in Ausbildung  werden Schamkonflikte und ihre Bearbeitung im Rahmen von Übertragungs-Gegenübertragungsprozessen zwischen jüngeren Therapeut:innen und  älteren Patient:innen diskutiert.

PV 1.10 Scham als Begleitaffekt in der Psychotherapie und Ausbildung

Dr. med. Wolfgang Krieger

Scham ist eine wichtige Emotion bei Prozessen des Lernens. Belastende Schamerlebnisse werden häufig in der psychodynamischen Ausbildung berichtet. Sind diese notwendig und unvermeidlich? Fördert Schamerleben auch die weitere Entwicklung? Wie kann unnötige Beschämung vermieden werden? Was sollte in dieser Hinsicht im Ausbildungsbetrieb berücksichtigt werden?

Überlegungen dazu werden vorgestellt und sollen diskutiert werden.

 

Dr. phil. Jürgen Thorwart

Wenn wir über das Phänomen "Scham" sprechen, denken wir vermutlich in erster Linie an Patient*innen, die im Rahmen ihrer Auseinandersetzung mit sich und ihren inneren Objekten bzw. Objektrepräsentanzen solche Gefühle schildern oder spürbar machen – unmittelbar, zwischen den Zeilen oder als (reaktive) Gegenübertragungsreaktion. Eher selten sprechen wir über unsere eigene Scham in Behandlungen (etwa angesichts von Fehlleistungen, oder Enactments) oder im Rahmen unserer sonstigen beruflichen Tätigkeiten – und das, obwohl dieser Emotion vermutlich meist bereits während der psychoanalytischen und/oder tiefenpsychologischen Aus- bzw. Weiterbildung eine Rolle spielt. Der Vortrag versucht verschiedenen berufsspezifischen Schamgefühlen und -konflikten nachzugehen und zu verstehen, weshalb es schwerfällt, sie zu thematisieren. Daneben scheint es im Zusammenhang mit schweren Grenzverletzungen eine kleine Minderheit von Psychoanalytiker*innen bzw. Tiefenpsycholog*innen zu geben, bei denen die Fähigkeit Scham zu empfinden mangelhaft ausgeprägt ist.

PV 1.11 unsozialisierte Schamkonflikte - Digitalisierung und Adoleszenz

Prof. Dr. med. Annette Streeck-Fischer

Anhand der englischen Miniserie ‚Adolescence‘, die sich um den Mord mit 7 Messerstichen des 13-jährigen Jamie an einer gleichaltrigen Schülerin dreht, wird den Fragen nachgegangen, wie die Entwicklungsbedingungen für männliche Jugendliche heute aussehen und welche Bedeutung das Internet hat. Es wird deutlich, dass der  virtuelle Raum keine soziale Kommunikation ersetzen kann, was zur Folge hat, dass wichtige Entwicklungsschritte ausbleiben. Die Labilisierung im Rahmen der Adoleszenz und insbesondere die durch das Internet nicht sozialisierten Schamgefühle gehen mit Gefährdungen einher, die verschärft durch Konfrontationen im Cyberraum mit traumatischen Inhalten, Cybermobbing und Orientierung an rechten Ideologien, den Incels zum Tragen kommen.

Sabrina Karaca

Die wachsende Verfügbarkeit von generativer Künstlicher Intelligenz (KI) in Form von Chatbots stellt unsere therapeutische Arbeit vor neue Herausforderungen. Immer mehr Menschen nutzen diese Systeme nicht nur zur allgemeinen, sondern auch zur psychotherapeutischen Lebensberatung. Scham(-angst) scheint dabei ein zentraler Beweggrund für die Hinwendung zu KI-Chatbots zu sein. Während sich die einen aus Scham(-angst) vielleicht gar nicht erst in Therapie begeben, ziehen sich die anderen aus diesem Grund zuweilen aus der therapeutischen Beziehung zurück und intensivieren stattdessen den „Austausch“ mit der KI, die eine scheinbar scham-lose Selbstoffenbarungsmöglichkeit verspricht. Was zunächst als Entlastung von sozialen Bewertungsängsten erscheint, offenbart bei näherer Betrachtung bedeutsame Spannungsfelder, die sowohl psychoanalytisch-therapeutische Prozesse als auch private zwischenmenschliche Beziehungen berühren. Anhand einer Falldarstellung aus der psychoanalytischen Praxis wird beleuchtet, wie die scheinbar scham-lose Selbstäußerung gegenüber der KI als Versuch verstanden werden kann, sich mitzuteilen, ohne sich dem Risiko auszusetzen, im Gesehenwerden durch ein anderes Subjekt beschämt zu werden. Die pseudo-resonante KI kann dabei bestenfalls als Unterstützung der Abwehr oder Regulation von Scham(-angst) wirken, während sie zugleich die Möglichkeit realer Beziehungserfahrungen unterläuft.

PV 1.12 Workshop

Weitere Informationen folgen.
Der Workshop wird in englisch erfolgen. 

PV 2.1 AG Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Anne-Sophia Cholibois, Leonie Kampe, Birgitta Rüth-Behr, Anne Springer, Dieter Wacker

Anhand der Diskussion von Sequenzen aus Videoaufnahmen in Kleingruppen soll der Frage nachgegangen werden, welche Variablen Einfluss auf die Indikationsstellung nehmen. Für die anschließende Diskussion in der Gesamtgruppe werden Leonie Kampe (IPU Berlin) und Anne - Sophia Cholibois (Universität Kassel) ihre Arbeiten aus der Forschungsperspektive zu Persönlichkeitsfaktoren und Indikationskriterien vorstellen.
Die AG wendet sich an Kolleginnen und Kollegen beider Fachgruppen, die im Setting der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie praktizieren und die sich besonders für Spezifika der TP interessieren.
Auch um die Arbeit in den Kleingruppen gut planen zu können, bitten wir um verbindliche Anmeldung.

Mitglieder der Arbeitsgruppe: Torvi Abel, Anne- Sophia Cholibois, Leonie Kampe, Michael Krenz, Katrin Müller, Birgitta Rüth-Behr, Anne Springer, Albrecht Stadler, Dieter Wacker, Christian Will

PV 2.2 Forschungsforum

Dipl. Psych. Gabriele Amelung, Dr. phil. Helene Timmermann

Vorgestellt wird eine qualitative Mehrgenerationen-Studie, die sich mit einer bisher wenig beforschten Gruppe befasst: Den Kindern des Widerstands – also Kinder und Enkel von Personen, die während der NS-Zeit in Deutschland im politischen Widerstand waren. Datenbasis sind narrative Interviews, die tiefenhermeneutisch ausgewertet und auf Hinweise auf transgenerationale Weitergabe von Traumata sowie Haltungen und Werten, untersucht werden. Dabei nehmen sich die Forschenden in doppelter Hinsicht selbst in den Blick – als am Prozess Beteiligte und als Kinder von Mitläufer:innen und Täter:innen.

Anhand von Ausschnitten aus Interviews aus der zweiten und dritten Generation soll zudem der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich das Thema Schuld, Scham und Schamlosigkeit in den Interviewtexten zeigt.

PV 2.3 Forum der Aus- und Weiterbildungsteilnehmenden

Jens Tiedemann, Anne Breidenstein

Die psychodynamische Aus- und Weiterbildung ist von Beginn an von Schamdynamiken durchzogen. Schon das Aufnahmegespräch stellt nicht nur Wissen, sondern auch die Person zur Disposition. In der Supervision wie in kasuistischen Seminaren erleben Aus- und Weiterbildungsteilnehmer die Unsicherheit der eigenen Gehversuche und den Blick des Gegenübers. Unklare Rahmenbedingungen, selbstverstärkende Gruppendynamiken und fehlende Transparenz können dies verschärfen. Häufige Folge ist eine Perfektionierung des Berichteten: Deutungen klingen sauber, die Darstellung wird rund – und damit auch steril und gegen Kritik wie Anregung abgeschirmt. Verborgen werden soll der eigene Mangel.

Dabei scheint Scham nicht nur auf Seiten der AWT verortet, sondern durchzieht psychodynamische Institutionen insgesamt. Auch Dozenten und Supervisoren fürchten, beschämt zu werden, wenn sie sich in ihrem Tun zu klar zeigen, und bleiben daher oft im vagen, assoziativen oder abstrakt-theoretischen sicheren Terrain. Zugleich kann es zu aktiver Beschämung kommen – durch Lehrende und Selbsterfahrungsleiter, die Grenzen nicht wahren, oder durch Settings, die exponieren statt schützen. Das Forum lädt ein, diese Dynamiken gemeinsam zu untersuchen: das Sich-Zeigen und das Sich-Verstecken in der Aus- und Weiterbildung.

PV 2.4 Offene AG Vertrauensleute

Thomas Rauch, Christiane Greiner, Benita Noack, Esther Stroe-Kunold, Akram Abutalebi, Sabine Baader-Provost, Erika Schippmann, Christine Pop

Die Vertrauensleute der DGPT bieten wieder eine offene Arbeitsgruppe an.

Im April 2026 fand der 2. DGPT Ethik-Tag in Frankfurt/Main statt, der sich mit ethischen Grenzverletzungen innerhalb psychoanalytischer Institute befasste. Die dort angestoßene Reflexion soll auf der DGPT-Jahrestagung in Lindau weitergeführt werden. Das Leitthema „Scham-los" bietet dafür einen geeigneten Rahmen: Grenzverletzungen in analytischen Instituten sind eng verknüpft mit institutioneller Scham und dem Schweigen, das sie schützt. Die Gruppe der Vertrauensleute lädt ein, diese Zusammenhänge psychodynamisch und institutionspolitisch zu vertiefen. Ziel könnte es sein, konkrete Schutzstrukturen zu entwickeln und eine nachhaltige professionelle Haltung zu fördern – einer Profession, die Schamlosigkeit bei anderen benennt und sie bei sich selbst nicht übersehen darf.

Wir möchten im 2. Teil ausreichend Zeit zur Verfügung stellen, aktuelle grundsätzliche und individuelle Anliegen im geschützten Rahmen zu diskutieren.

PV 2.5 Klimaforum

Antje Boeck

Agaue, eine Figur aus der griechischen Tragödie, tötet ihren Sohn in der wahnhaften Annahme, einen Löwen zu erlegen. Triumphierend trägt sie sein Haupt durch die Straßen, um sich dafür feiern zu lassen. Hat Dionysos ihr den Wahnsinn eingegeben oder hat er nur aktiviert, was bereits angelegt war? Vielleicht mit der Absicht, es sichtbar zu machen und dadurch überwinden zu können? Doch Agaue bleibt blind bis die wie in Zeitlupe eintretende Erkenntnis sie in den größten vorstellbaren Schmerz führt. Und wie steht es mit uns angesichts der Bedrohungen durch den Klimawandel? Sind unsere Augen offen? Können und wollen wir richtig hinsehen? Auf dem Sonnendeck der Titanic (Kattermann, 2025) scheinen auch die meisten von uns dem Schauspiel der Zerstörungslust (Amlinger & Nachtwey, 2025) wie unbeteiligt zuzusehen. Ob wir ausagieren oder uns zurückziehen, gemeinsam blenden wir aus, Wie alles zusammen brechen kann (Servigne & Stevens, 2022). Wenn wir weiterhin gemeinsam ungebremst unsere Lebensgrundlagen vernichten, sind wir dann nicht alle ein bisschen Agaue?

Das Ziel dieses Beitrags soll sein, gemeinsam zu einem besseren Verstehen dieser Phänomene zu  kommen. Außerdem: Welche Verantwortung trägt unsere Berufsgruppe für die Bewusstmachung dieser Prozesse und die Begleitung unserer Patient*innen?

 

Dr. med. Monika Krimmer

Der „neu“ entstandene Faschismus wird versucht in seiner „Scham-los“ Art und Weise mit Werkzeug von Léon Wurmser, 1994, „Die Maske der Scham: Die Psychoanalyse von Schamaffekten und Schamkonflikten“ besser verstanden zu werden mit dem Ziel, sich dem effektiv entgegenstellen zu können.
Dazu werden die Politikwissenschaftlerin Natascha Strobel, 2021 „Radikalisierter Konservatismus“, der Medienwissenschaftler Simon Strick, 2021, „Rechte Gefühle- Affekte und Strategien des digitalen Faschismus“ und die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey , 2025, „Zerstörungslust – Elemente des demokratischen Faschismus“ herangezogen.  Denn Narrative schaffen Imaginationen, Identifikationen und Projektionen, die eine starke affektive Bedeutung haben.  Der Rechtspopulismus bedient sich solcher Narrative. Über eine affektiv-narrative Vermittlung können rechtsextreme Gedankengebilde in die Mitte der Gesellschaft hineingetragen werden. Die Verschränkungen von individuellem und kollektivem Unbewussten, in diesem Land vor dem Hintergrund des Holocaust, machen die alternative Rechte, die nicht weit weg, sondern in unserer Mitte zu finden ist, inmitten dieser Demokratie, und schnell fortschreitet, zu einer „Umweltkatastrophe, die menschengemacht ist und sich auf verschiedene Weisen tödlich auswirkt“ (Simon Strick).

Nadine Berger und Volker Münch

Die hemmende Qualität der Scham äußert sich heute in gesellschaftlichen Diskursen in dem (auch von Psycholog*innen gepflegten) Anspruch, Kränkung und Scham unbedingt zu vermeiden. Scham wird als ausschließlich „negatives“ Gefühl behandelt und der Umgang mit Scham wird als Überforderung geframed.

Die Folge ist eine kolportierte Unzumutbarkeit von veränderungsnotwendiger Konfrontation – auf individuell-therapeutischer wie auf gesellschaftlicher Ebene. Anforderungen, sich mit möglicherweise schambehafteten Verhalten sowie moralischer Schuld auseinanderzusetzen, werden gar nicht erst gestellt. Eine Chance auf über-lebensnotwendige Entwicklung wird so verhindert.

Damit aber verpassen wir nicht nur Gestaltungsmöglichkeiten, wir überlassen Rechtspopulisten Räume, die sie scham-los zu nutzen wissen, denn die Fähigkeit zur Scham wird gerade von ihnen massiv torpediert. Wir arbeiten ihnen zu, wenn wir denken, wir könnten die Scham beiseitestellen. Wir bedienen damit die ohnehin in dieser narzisstischen Zeit ausgeprägten Tendenzen zu Regression, dem Verlangen nach immerwährendem Gut-Gehen und einer damit einhergehenden Anspruchsvermeidung.

Dabei sollte viel stärker sichtbar gemacht werden, dass die Fähigkeit, Scham zu empfinden, ein Zeichen unserer moralischen Integrität und Würde ist. Sie ist die fortwährende, schmerzhafte Aufforderung, das eigene Tun und das System, mit dem dieses Tun interagiert, zu hinterfragen. In einer Zeit der Verrohung verweist sie auf unsere Menschlichkeit im besten Sinne.

Luise Schulte

Die Klimakrise stellt eine besondere Herausforderung für den intersubjektiven Raum dar. Der Patient und wir selbst sind gleichzeitig betroffen. Zunächst scheint es naheliegend, zu thematisieren, dass wir Angst vor der Klimakrise haben, Angst, diese nicht bewältigen zu können, und die Grenzen unserer Handlungsmacht zu erleben. Doch dabei erheben wir uns darüber und verleugnen, schon mittendrin zu sein, mit der Klarheit, die Klimakrise mitzuverantworten. Es entsteht ein schamhaftes Momentum. In diesem Beitrag sollen die zerstörerischen Triebe diskutiert werden, die durch die Klimakrise deutlich werden, und was dies für den intersubjektiven Raum der Psychotherapie bedeutet.

PV 2.6 Genderforum

Dr. Elisabeth Imhorst

Viele Psychotherapeut:innen und Psychoanalytiker:innen sind ihrem Anspruch nach vorurteilsfrei gegenüber transgeschlechtlichen Patient:innen. Faktisch jedoch bestehen Vorbehalte, Ängste und Widerstände gegenüber diesen, oft als bedrohlich und fordernd wahrgenommenen Personen. Sie werden verleugnet, durch Reaktionsbildung abgewehrt oder mit überholten psychoanalytischen Theorien rationalisiert.

Aus Lehre und Supervision und auch aus eigener Erfahrung weiß ich um den zentralen Wert der Gegenübertragungsanalyse. Sie wird oft gar nicht erst begonnen, weil es sehr beschämend ist, sich eingestehen zu müssen, den eigenen Ansprüchen bei diesen Patient:innen so gar nicht genügen zu können.

Jede Gegenübertragungsanalyse ist individuell, und dennoch gibt es typische Konfliktthemen, die überindividuelle Bedeutung haben und die zu diskutieren sich lohnen könnte. Dies soll anhand der Beschreibung einer nicht nur persönlichen Gegenübertragungsanalyse nachgezeichnet werden.

Dr. Anna Hermann

Von Schultoiletten über Anatomieatlanten bis hin zu unserer Alltags- und Fachsprache: Im Vergleich zum allgegenwärtigen Phallus wird die Vulva kaum (re)präsentiert. Schon der Begriff ist wenig gängig: Ungleich häufiger werden die weiblichen Genitalien mit den Begriffen Vagina oder Scheide beschrieben und damit auf ein Loch reduziert. Warum scheint über der Vulva gleichsam eine Hülle der Scham zu liegen – so wie auch sprachlich „Scham“haar sie umgibt? Dieser Vortrag beschäftigt sich zum einen mit der Frage, welche gesellschaftlichen Strukturen sich in der mangelnden Repräsentanz der Vulva widerspiegeln, zum anderen mit den möglichen psychischen Folgen dieses Umstands. Dabei wird angenommen, dass beides eng miteinander verknüpft ist. Schlägt sich in der mangelnden sprachlichen Benennung und künstlerischen Darstellung der Vulva eine Furcht vor weiblicher Lust und Macht nieder, die wir psychoanalytisch verstehen können, und die zu Tabuisierung oder gar Bekämpfung derselben führt? Unsere Sprache prägt sowohl unser Bewusstsein wie auch unser Unbewusstes – und umgekehrt. Was bedeutet die mangelnde Repräsentanz der Vulva daher für die individuelle psychosexuelle Entwicklung ihrer Besitzerinnen? Was folgt daraus für ihr Körperbewusstsein, ihren Selbstwert, ihre Sexualität und die Ausgestaltung ihrer Partnerschaften? Für ihre Möglichkeit zur Kommunikation von Schmerzen und sexuellen Übergriffen? Der Vortrag möchte zum Nach- und Neudenken dieser Fragen anregen.

Weitere Informationen folgen.

PV 2.7 Psychoanalyse und Film

Mit Arnhild Uhlich und Maja Classen

Der Film zeigt explizit, aber mit großer Achtsamkeit queere, sex-positive Räume in Berlin, in denen Intimität, Begehren und Diversität in einem stetigen Fluss stattfinden. „Es ist eine diskrete, poetisch verklärte Freizügigkeit, eine Hingabe unter Vorbehalt, die das (sexuelle) Handeln der Protagonist:innen widerspiegelt. So vorsichtig, als gäbe es Sprengstoff zu entschärfen, entlocken sie einander Lust“ schreibt Stefan Volk in seiner Filmkritik.

Ziel gemeinsamen Filmsichtung, theoretischen Einordnung und offenen Diskussion ist die Förderung einer therapeutischen Schamkompetenz, - einer Haltung, die Scham und Schamlosigkeit weder pathologisiert und moralisiert, noch als Befreiung hypt, sondern als zentrales Beziehungsphänomen anerkennt und in der therapeutischen Arbeit mit Sexualität, Körper und Identität konstruktiv und diversitäts-sensibel nutzen kann.