77. Jahrestagung der DGPT

Hauptreferent:innen

Dr. phil. habil Andreas Becker

Film‑ und Medienwissenschaftler, derzeit Privatdozent an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2016-2026 Assistant, dann Associate Professor an der Germanistik der Keio-Universität Tokyo, 2014–2016.

Eigene Stelle als Leiter des DFG-Projekts Yasujiro Ozu und der westliche Film (Goethe-Universität Frankfurt am Main).

2018 Habilitation zu Yasujiro Ozu, 2003 Promotion zur Zeitraffung und Zeitdehnung im Film.

Weitere Forschungsinteressen: Elektronische Musik und die Frage der Welle, Phänomenologie und Medientheorie, Schrift und Schriftlichkeit, künstliche Intelligenz und Film.

Über das Scheitern einer gewissen Art der Intelligenz
Dramaturgien der Scham bei Fritz Lang und Stanley Kubrick

Der Film eröffnet multiple Perspektiven auf die Scham, er präsentiert uns ein „empathisches Feld“ (Hans Jürgen Wulff), das weiter reicht und zugleich spekulativer ist als das des Alltags. Weil auch das Sprechen über Scham in der Regel schambesetzt ist, hat der Film den Vorteil, das Gestische, Wortlose, die Nuancen des Schweigens, der Blicke, der Gedanken und all jene nonverbale Kommunikation der Beschämung darstellen zu können.

In meinem Vortrag möchte ich drei Klassiker der Filmgeschichte im Hinblick auf die Scham diskutieren: Fritz Langs Metropolis (1927), Stanley Kubricks 2001. A Space Odyssey (1968) und dessen Eyes Wide Shut (1999). Neben der Frage, wie Scham dargestellt wird, interessiert mich dabei der Aspekt der Intelligenz und die Interrelation von Intelligenz und Scham. Ich knüpfe hierbei an eine Analyse des Theaterwissenschaftlers Hans-Thies Lehmann an, der von „dem Scheitern einer gewissen Art von Intelligenz“ in den beiden Filmen Kubricks sprach.

In diesem Sinne handeln alle drei Filme von einer Form der manipulativen und technischen Intelligenz, die rücksichtslos eingesetzt wird, um Macht über den Anderen und dessen Scham zu erlangen: Erfinder Rotwang (Rudolf Klein-Rogge) erschafft in Metropolis mit Hilfe einer Apparatur eine zweite Maschinen-Maria (Brigitte Helm), die im Gegensatz zur schamhaften Menschen-Maria in einem Varieté tanzt und die Arbeiter aufwiegelt. Bei 2001. A Space Odyssey wird die gesamte Raumstation zu einem Ort, den die künstliche Intelligenz HAL steuert, bis sie einmal beschämt wird, da sie eine falsche Vorhersage trifft. Und in der Schnitzler-Adaption Eyes Wide Shut sehen wir eine schamlos wirkende Geheimgesellschaft, die auf intelligenten Riten und Vereinbarungen beruht, deren Nichtbefolgung (und Unkenntnis) aber tödlich sein kann. Die technische Entgrenzung der Scham durch Manipulation, durch Apparate, Gegenwelten und instrumentelle Vernunft erweist sich in diesen Beispielen als katastrophal.

Ich möchte zeigen, dass diese Filme uns aber eine zweite Perspektive eröffnen, die vor allem von den weiblichen Figuren ausgeht, und die einen alternativen Umgang mit der Scham zuließe, der von einer Intelligenz geleitet ist, die die Schamgefühle der Anderen auf eine nicht instrumentelle Weise miteinbezieht und sie respektiert. Dieser Umgang mit Scham wäre einer der Unvoreingenommenheit, der Innerlichkeit und der Musikalität. Die ikonischen Soundtracks dieser Filme führen die technisch-manipulative Intelligenz vor und kommentieren sie, weisen einer neuen Intelligenz über einen synästhetisch-assoziativen Wahrnehmungsraum vorahnend den Weg. Wir können Sprechweisen finden und über diese Zusammenhänge reflektieren. Dazu möchte der Vortrag einladen.

Zitierte Literatur:

Hans Jürgen Wulff: Empathie als Dimension des Filmverstehens. Ein Thesenpapier. in: montage AV. Zeitschrift für Theorie und Geschichte audiovisueller Kommunikation, Jg. 12 (2003), Nr. 1, online-Dokument, https://doi.org/10.25969/mediarep/155, abger. am 9. März 2026, S. 136–161.

Hans-Thies Lehmann: Film-Theater. Masken/Identitäten in Eyes Wide Shut, in: Stanley Kubrick, Kinematograph, Nr. 19 (2004), Frankfurt am Main, S. 232–243, zit. S. 233.

Dipl.-Psych. Johannes Brehm

war bis Ende 2024 als Psychoanalytiker in eigener Praxis tätig. Er ist Lehranalytiker sowie Supervisor der IPV, DPG und DGPT.

In seinen Veröffentlichungen und Vorträgen befasst er sich unter anderem mit Symbolisierung, dem Konzept der inneren Objekte sowie mit Fragen der Psychoanalyse in der Kassenfinanzierung.

Zu seinen Arbeiten zählen beispielsweise „Kann das Unbewusste im Körper sein?“: Zum analytischen Umgang mit protomentalisierten Zuständen – eine Kasuistik (Jahrbuch der Psychoanalyse, 75, 2017) sowie Angriffe auf Raum und Zeit in der analytischen Beziehung in Transformationsprozesse in psychoanalytischen Psychotherapien (2020).

Zur Bedeutung von Illusionen bei der Schambewältigung

Illusionen werden im Alltag häufig mit zweifelhaften Vorstellungen und Wünschen in Verbindung gebracht, die einer kritischen Realitätsprüfung nicht Stand halten können. In der Psychoanalyse haben sie allerdings für die psychische Entwicklung und die psychoökonomische Bedeutung von Scham eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Die Illusion vermittelt die Hoffnung, einer Beschämung entrinnen zu können, ohne sich wiederholenden Erfahrungen von Bloßstellung, Demütigung, Kränkung oder Herabsetzung ohnmächtig auszuliefern. Das Scheitern dieser illusionären Bewältigungsstrategien in der unvermeidbaren Konfrontation mit der Realität kann zu seelischem Wachstum, aber auch zu Entwicklungsblockaden führen, die in der Übertragung aktualisiert werden. Die emotionale Bedeutung der Analytiker:in wird einerseits gesucht und andererseits muss sie immer wieder unterlaufen, angegriffen oder entwertet werden, weil von ihr/ihm als Objekt auch die unvermeidbare, große Gefahr ausgeht, gerade die beschämenden Erfahrungen von Bloßstellung, Abhängigkeit, Demütigung und Kleinheit zu wiederholen. Es ist eine oft paradoxe, hartnäckige Übertragungssituation, die uns hoffnungslos, wertend oder übermäßig konfrontierend werden lässt, weil es so schwer zu tolerieren ist, dass jeder Entwicklungsschritt gleichzeitig das Risiko einer erneuten schmerzlichen Beschämung für unsere Patienten, aber auch für uns, mit sich bringt. Klinisches Material soll eine Diskussion ermöglichen über die unausweichlichen Prozesse von erlebter Beschämung, Stillstand und Entwicklung.

Prof. Dr. phil. Benigna Gerisch

Dipl.-Psych., Psychologische Psychotherapeutin, systemische Familientherapeutin, Psychoanalytikerin (DPV/IPA/DGPT). Professorin für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse an der International Psychoanalytic University in Berlin (IPU). Von 1990 – 2010 tätig als Psychotherapeutin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Therapie-Zentrum für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Publikationen und Forschungsprojekte unter anderem zur Suizidalität und Geschlechterdifferenz, psychoanalytischen Körperkonzepten sowie (autodestruktiven) Körperpraktiken.

1. Vorsitzende der Weiterbildungsstätte an der IPU-Berlin. Transdisziplinäre Forschungsprojekte zu „Aporien der Perfektionierung in der beschleunigten Moderne.

Gegenwärtiger kultureller Wandel von Selbstentwürfen, Beziehungsgestaltungen und Körperpraktiken sowie zu „Das vermessene Leben: Produktive und kontraproduktive Folgen der Quantifizierung in der digital optimierenden Gesellschaft“, jeweils geleitet von V. King, B. Gerisch und H. Rosa (gefördert von der VolkswagenStiftung).

Im Spiegel des Anderen: Zur Paradoxie des beschämten und perfektionierten Körpers in der digitalisierten Moderne – Psychoanalytische und sozialwissenschaftliche Perspektiven

In diesem Beitrag werden aus psychoanalytischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive die Folgen der gegenwärtigen Schönheitsdiskurse für die psychische Entwicklung einschließlich der Genese von Körperscham im Kontext der Digitalisierung skizziert. Der normative, medial wirkmächtige Schönheitsimperativ geht mit der Potenzierung einer latent-unbewussten oder virulenten Körperscham einher und der radikalen Verachtung dessen, was von diesem Ideal abweicht. Diese Perspektive erhellt die imposante Verführung durch Körpermodulations- und Optimierungstechniken, denen der gleichermaßen ersehnte, wie gefürchtete Blick des Anderen strukturell inhärent ist und zugleich signifikante Auswirkungen auf die zunehmend narzisstisch grundierte Objektwahl hat. Ferner wird der Hypothese nachgegangen, dass Körpertechniken der Gegenwart als verlockende Angebote einer sich verstetigenden Psyche-Körper-Verschiebung fungieren, die ein Wechselspiel zwischen Innen und Außen, Oberfläche und Innenwelt sowie eine Normalisierung von auch pathologischem Erleben und Agieren begünstigen. Exemplifizierende Vignetten von Patientinnen und nicht-klinischen Probandinnen schließen den Vortrag ab.

Dr. med. Elke Horn

Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychoanalytikerin (DGPT, DPG, IPA), Gruppenanalytikerin (D3G, GASi), Dozentin und Lehranalytikerin. Von 2010 -2018 war sie Leiterin der Düsseldorfer Arbeitsgruppe der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft. Sie ist Mitglied des PAKH e.V. (Arbeitskreis für die intergenerationellen Folgen des Holocaust) und war dort über viele Jahre in der wissenschaftlichen Werkstatt aktiv.

Arbeitsschwerpunkte sind die transgenerationelle Weitergabe von Traumata, Gruppenprozesse in post-genozidalen Gesellschaften sowie kollektive Identitätsbildung.

Deutschland als post-genozidale Gesellschaft – ist kollektive Introspektion möglich?

Ausgangspunkt meiner Überlegungen sind die Erkenntnisse aus der über 15 Jahre andauernden Dialogarbeit im PAKH e.V. (Arbeitskreis für die intergenerationellen Folgen des Holocaust), in dem jüdische und nicht-jüdische Teilnehmende sich über ihre Familiengeschichten und die Folgen des Holocaust für die post-Generationen austauschen. Durch teilnehmende Beobachtung, Introspektion und die Interpretation des Geschehens vor dem Hintergrund gruppentheoretischer Ansätze werden diese Erkenntnisse auf ihre Aussagekraft im Hinblick auf kollektive Phänomene untersucht. Zentral sind dabei die Auswirkungen kollektiver Traumatisierung und der dadurch veränderten Wahrnehmung von kollektiver Identität. Diese können in sich wiederholende Muster eines zum Erliegen kommenden Dialogs und letztlich in Vergangenheitsbewältigung durch Re-Inszenierung münden. Nicht-Verstehen wird dann zum vorherrschenden modus operandi aufgrund gesellschaftlicher impliziter Denksysteme, die verstärkt werden durch soziale Repräsentationen von Opfern und Tätern. PAKH e.V. versucht, diese Strukturen bei sich selbst zu beobachten, zu verstehen und zu verändern. Das bringt unsere Annahmen über die Welt und unsere kollektiven Identifikationen durcheinander und ist deshalb von heftigen emotionalen Bewegungen begleitet. Diese enthalten die Möglichkeit zur destruktiven Entgleisung, aber auch zur Transformation. Angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen in Richtung Polarisierung scheint es notwendig, über Möglichkeiten und Bedingungen eines von kollektiver Introspektion getragenen Dialogs nachzudenken.

Literatur:

Peter Pogany-Wnendt, Elke Horn, Beata Hammerich, Erda Siebert, Johannes Pfäfflin: Das transgenerationelle Erbe von Schuld und Scham – Von traumatischer Erstarrung zum empathischen Dialog (Psychosozial-Verlag, Gießen, 2024)

Prof. Dr. phil. Elfriede Löchel

Psychoanalytikerin/Lehranalytikerin (DPV/IPA, DGPT). Universitäre Lehre und Forschung seit 1984 an der Uni Bremen, der FU Berlin, TU Berlin und von 2010-2020 an der IPU Berlin. Zurzeit Seniorprofessorin für Theoretische Psychoanalyse, Subjekt- und Kulturtheorie an der IPU Berlin.

Prof. Dr. phil. Löchel war sowohl Institutsleiterin als auch Leiterin des Ausbildungsausschusses der Bremer Psychoanalytischen Vereinigung, Herausgeberin des Jahrbuchs der Psychoanalyse, peer-reviewerin der PSYCHE. Nach 25 Jahren Kassensitz in Bremerhaven zurzeit Privatpraxis in Bremen.

Arbeitsschwerpunkte und Veröffentlichungen: psychoanalytische Konzeptforschung, psychoanalytische Erkenntnis- und Forschungsmethoden, Freud-(Re-)lektüren, Theorien der Symbolisierung sowie psychoanalytische Forschung zur Digitalisierung und den Social Media.

Human Enhancement und Prometheische Scham

Ausgehend von einer Sichtung vielfältiger Selbstoptimierungspraktiken im gegenwärtigen Alltag bis hin zu den extremsten Utopien posthumanistischer Technologieprojekte, die die conditio humana korrigieren und letztlich den Tod abschaffen wollen, geht der Vortrag einer zweifachen Fragestellung nach: Was kann die Psychoanalyse zum Verständnis unbewusster Motive dieser sogenannten Enhancementbewegung beitragen? Die These, die zur Diskussion gestellt wird, bezieht sich auf den Zusammenhang von Enhancementdiskursen und Größenfantasien, die der Abwehr von Scham und Kränkung dienen, welche wiederum mit der anthropologischen Gegebenheit der langen Abhängigkeit des menschlichen Kindes in Verbindung stehen. Über die Psychoanalyse der Scham hinaus wird sich der Begriff der „prometheischen Scham“, der auf den Philosophen und Schriftsteller Günther Anders (1956) zurückgeht, als hilfreich erweisen. Im Zuge dieser Argumentation ergibt sich eine weitere anthropologische Frage. Wenn die "menschliche Natur" darin besteht, ein Kulturwesen zu sein, "offen“ und „unbestimmt", das "nicht festgestellte Tier" (Nietzsche), eine "offene Frage" (Plessner), dann gibt es keine sichere Grenze gegen die Möglichkeit der Selbstauslöschung. Während die Psychoanalyse früheren (Sozial-)Utopien stets die Triebstruktur, Konflikthaftigkeit und Unvollkommenheit als unhintergehbare conditio humana entgegenhalten konnte, streben posthumanistische (Technik-) Utopien eine radikale Modifikation der conditio humana selbst an. Wo Zeugung und Empfängnis, Abhängigkeit vom anderen, Sterblichkeit als technisch überwindbare Schwächen behandelt werden, können wir uns nicht länger auf die „facts of life“ (Money-Kyrle, 1971) als unhintergehbare Grenzen verlassen. Oder doch?

Prof. Margaret Rustin

ist Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Kinderpsychoanalytikerin. Von 1985 bis 2009 leitete sie die Abteilung für Kinderpsychotherapie an der Tavistock Clinic. Seit ihrem Eintritt in den Ruhestand beim National Health Service hat sie ihre Lehr- und Supervisionstätigkeit im Vereinigten Königreich und in vielen anderen Ländern fortgesetzt.

Sie hat zahlreiche Werke über die klinische Praxis der Kinderpsychotherapie und deren zentrale Wurzeln in der Psychoanalyse verfasst. Zu ihren neuesten Büchern gehören „Reading Klein“ (Routledge, 2017), das sie gemeinsam mit Michael Rustin verfasst hat, und „Finding a Way to the Child“ (Routledge, 2023). Ein weiterer Band mit dem Titel „Observation and the Psychoanalytic Imagination“ ist in Arbeit.

„Schamlos“ wurde früher als Beleidigung verwendet, doch viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter politische Führungsfiguren und Mitglieder der britischen Königsfamilie, scheinen mittlerweile immun gegen Schamgefühle zu sein. Gleichzeitig werden soziale Medien – gerade von schutzbedürftigen Menschen und besonders von Jugendlichen – häufig als Quelle qualvoller öffentlicher Beschämung empfunden. Die unverhohlene Grausamkeit dieser Vorgänge lässt vermuten, dass diejenigen, die diesen Schaden anrichten, in der Ausdrucksweise ihres Sadismus ziemlich schamlos sind. Ausgehend von einem Verständnis der Funktion und der psychischen Verortung des Schamgefühls möchte ich aufzeigen, was sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene vor sich geht, was uns helfen könnte, diese markanten Veränderungen in Art und Ausmaß der Schamlosigkeit verständlich zu machen.

Prof. Dr. med. Ulrich Schultz-Venrath

Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie & Nervenheilkunde. Psychoanalytiker & Psychotherapeut (DPV / DGPT / IPA). Gruppenlehranalytiker und Gruppenpsychotherapeut (D3G, EFPP, GASi). MBT-Therapeut und -Supervisor, mit Schwerpunkt in mentalisierungsbasierter Gruppenpsychotherapie (MBT-D-A-CH). Mitglied des MBT-D-A-CH-Vorstands und des dortigen Fortbildungsausschusses. Vorsitzender zusammen mit Paul L. Janssen des Instituts für Gruppenanalyse und Mentalisieren in Gruppen e.V. (IGAM e.V.). Ehemaliger Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im EVK Bergisch Gladbach von 1999-2019.

z.Zt. niedergelassen in privatärztlicher Praxis in Köln mit Schwerpunkt Gruppenpsychotherapien, Supervisionen und vielfältiger Lehrtätigkeit sowie Herausgeber der Reihe „Mentalisieren in Klinik und Praxis“ und Autor des „Lehrbuchs Mentalisieren – Psychotherapien wirksamer gestalten“ (4. überarb. Aufl.), Stuttgart: Klett-Cotta.

Mentalisieren von Scham, Beschämung und Schamlosigkeit - von der Dyade bis zu Großgruppenphänomenen

Scham, Beschämung und Schamlosigkeit gehen in therapeutischen Dyaden, in Gruppenpsychotherapien und Großgruppen mit Mentalisierungszusammenbrüchen einher. So wie unerkannte und unbearbeitete Schamaspekte therapeutische Prozesse blockieren, wenn es sich um besonders frühe und um unmentalisierte Emotionen handelt, so gehen sie nicht selten mit unmentalisierten schamlosen Aggressionen als Abwehrfunktion einher. Dies könnte auch bestimmte Formen des politischen Extremismus erklären. Die Fähigkeit, Scham zu mentalisieren, setzt ein dimensionales Verständnis von Schamaffekten voraus. Darüber hinaus kann eine bessere Wahrnehmung von Scham-, Beschämungs- und Schamlosigkeitsphänomenen durch den „Körpermodus“ erzielt werden, dessen Wahrnehmung die frühesten präverbalen und leiblichen Schamerfahrungen integriert. Die mentalisierungsbasierte Adressierung von Scham fördert epistemisches Vertrauen, vermindert Abbrüche und könnte durch gesellschaftlichen Transfer einen bedeutenden Beitrag in der Bewältigung extremistischer Einstellungen leisten.

Literatur

Frevert, U. (2017). Die Politik der Demütigung: Schauplätze von Macht und Ohnmacht. Frankfurt a.M.: S. Fischer.
Schultz-Venrath, U. (2022). Mentalizing Shame, Shamelessness and Fremdscham (Shame by Proxy) in Groups. In Badouk Epstein, O. (Ed.), Shame Matters: Attachment and Relational Perspectives for Psychotherapists (S. 90–113). London, New York: Routledge, Taylor & Francis Group.
Schultz-Venrath, U. (2025a). Mentalisieren von Scham, Schamlosigkeit und Fremdscham in Gruppenpsychotherapien. Gruppenpsychother Gruppendyn, 61 (3), S. 197 – 225.
Schultz-Venrath, U. (2025b [2021]). Mentalisieren des Körpers. 2. überarb. Aufl., Stuttgart: Klett-Cotta.

Dr. phil., Dipl.-Psych. Jens L. Tiedemann

ist psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker und Körperpsychotherapeut, Supervisor, Lehranalytiker (DGPT) und Dozent an mehreren psychoanalytischen/psychotherapeutischen Ausbildungsinstituten. Er hat Psychologie an der FU Berlin studiert und in klinischer Psychologie mit dem Thema „Die intersubjektive Natur der Scham“ promoviert. Er ist seit über zwanzig Jahren in Berlin-Kreuzberg niedergelassen.

Sein Forschungsinteresse besteht vornehmlich an Themen der zeitgenössischen feldtheoretischen Psychoanalyse: Scham, Affektregulierung, Traumatisierung und Dissoziation, die Rolle des Körpers, Enactment. Hierzu hat er national und international Vorträge, Seminare und Workshops gegeben. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. Die Scham, das Selbst und der Andere (Psychosozial, 2010); Scham (Psychosozial, 2013); Enactment (Psychosozial, 2025).

„Verbergen und Enthüllen – Scham als intersubjektive Katastrophe oder als Hüterin der Privatheit?“

Scham ist auf der einen Seite eine der in hohem Maße hemmenden emotionalen Kräfte in unserem inneren Universum - vielleicht sogar das am stärksten die Affektregulierung überfordernde und lähmende Gefühle überhaupt. Auf der anderen Seite ist der vollkommene Ausfall dieses Gefühl im Sinne der Schamlosigkeit ein Zeichen einer gravierenden narzisstischen Störung. Als das Innenleben einschränkende seelische Kraft erscheint uns Schamangst meist in der Dynamik des Verbergens oder Enthüllens von intimen Gefühlen, Empfindungen und Gedanken. So intim und subjektiv Schamgefühle jedoch sind – sie äußern sich immer interaktionell und vor allem intersubjektiv, zwischen zwei vulnerablen Subjekten.

Auch wenn ich mich vor mir selbst schäme, ist dort ein beschämender, vorgestellter und verinnerlichter Anderer präsent, der mich aburteilt und verachtet. Sie ist ihrer Natur nach sozial, relational und intersubjektiv – ein „Schnittstellenaffekt“, der an der Grenze zwischen Ich und Du, in dem Raum zwischen mir und dem oder den Anderen auftaucht. Im schlimmsten Falle führt die Scham zu einem Gefühl der „Verwerfung“, zu einer „psychosozialen Katastrophe“, zu einer „Implosion des Selbst“.

Scham ist in ihrer relationalen Funktion demnach äußerst doppelgesichtig: Scham drückt einerseits das menschliche Bedürfnis aus, etwas zu verbergen; sie ist jedoch andererseits auch als Bewahrerin der Intimgrenzen und des Selbstwertgefühls zu verstehen, als „Wächterin der Privatheit und Innerlichkeit“.