"SCHAM-LOS"

77. DGPT-Jahrestagung in Lindau, 24. bis 27. September 2026

Die DGPT wendet sich der Scham und Schamlosigkeit als einem Gegenwartsthema zu, für das es in unserer klinischen Behandlungspraxis, im persönlichen Erleben und im aktuellen Zeitgeschehen zahlreiche Belege, aber nur wenig gemeinschaftlichen Reflexionsraum gibt.

Scham lässt mit dem Verlassen der schamlosen Verhältnisse des primären Narzissmus in Verbindung bringen, in dem Grenzenlosigkeit und Omnipotenz vorherrschen. Freud schrieb der Scham hemmende Qualität zu, die im Zusammenspiel mit den Umweltanforderungen an der Ich-Ideal-Bildung beteiligt ist sowie an der Entwicklung des Vermögens, Zugehöriges und Differentes wahrzunehmen. Scham in ihrer Verbindung mit Verdrängung und Sublimierung ist somit grundlegend für beides, pathologische wie kulturell hochstehende Entwicklungen. Aus objektbeziehungstheoretischer Perspektive wird die Schamdynamik durch den (verinnerlichten) Blick des Anderen in Gang gesetzt, an seelischen Rückzugsorten aufrechterhalten und mit Erleben von Groll, Zorn, Verrat, Rache, Neid, Verachtung, Schuld, Wiedergutmachung verknüpft. Die Forderung kann abgeleitet werden, den sich verbergenden, sich verhüllenden Schamaffekt nicht zu übersehen, damit es zu vertieften Prozessen der Versöhnung, Integration und Emanzipation kommen kann. Die Unmittelbarkeit des Schamerlebens macht sie zu einem Gegenwartsmoment mit katalytischem Potenzial. Daraus und aus dem hohen Kränkbarkeitspotenzial (mit nachfolgender Veränderungsimmunisierung) ergeben sich einige behandlungstechnische Fragen, z. B. nach der Scham-Kalibrierung des psychoanalytisch-hörenden Organs bzw. nach dem richtigen Moment.


Obwohl es nur wenig neurophysiologische Beschäftigung mit dem Affekt der Scham gibt, ist die psychosomatische Komponente der Scham unbestritten. Das Thema Scham inspiriert auch die Nachbarwissenschaften: Anthropologisch können Scham- und Schuldkulturen unterschieden werden. In der Literatur wird der Scham poetisches Potenzial zugemessen; sie gilt als Triebkraft für die Darstellung der Erfahrungen von Ohnmacht, Demütigung, doch auch des Aufbegehrens gegen Gewalt. In der Scham kann revolutionäres Potenzial vermutet werden – so gilt Marx die Nationalscham als die elegante Alternative zum Nationalstolz, als „Löwe, der sich zum Sprunge in sich zurückzieht“. Denken wir an das Herr-Knecht-Paradigma und die sozialphilosophische Theoriebildung, so kann die Scham als Diskursbarriere dekonstruiert werden. Diese kann verhindern, normativ Unbewusstes sichtbar zu machen und historisches Unrecht zu thematisieren, durchzuarbeiten und zu betrauern. In einer explosiven Moderne stilisiert sich die Schamlosigkeit als Macht der Beschämung. Sie verwendet diese politische Waffe der symbolischen Gewalt, um das eigene Territorium zu sichern, die politischen Gegner zu verwirren, zu unterwerfen. Die politisch Befreundeten jedoch werden ent-schämt und deren Stolz wiederaufgerichtet. Angesichts der multiplen Krisen erhält die aus der gesellschaftskritischen Literatur bekannte Allegorie der „Scham der Erde“ eine besondere Bedeutung, die die Ausbeutung der nichtmenschlichen Natur einschließen kann. Nicht unerwähnt bleiben soll die prometheische Scham, sprich: die Scham, menschlich zu sein. Diese Scham ist vor dem Hintergrund des sich beschleunigenden technischen Fortschritts bedeutsam, der sich als Imperativ der (Selbst-)Optimierung dem Menschen und dessen sozialen Institutionen aufprägt. Angesichts des demografischen Wandels in unserer Gesellschaft kann die Scham als Leitaffekt im Spiel zwischen den Generationen betrachtet werden.


Wir hoffen, mit diesen Gedanken zu verschiedenen Aspekten der Scham ihr Interesse geweckt zu haben und freuen uns sehr auf Ihre Teilnahme an der DGPT-Jahrestagung. Das genaue Programm und die Anmeldung werden demnächst veröffentlicht.