"Schmerz"

75. DGPT-Jahrestagung in Lindau, 19. bis 22. September 2024

Leiden und Schmerz ist eine Erfahrung, die jedem Menschen vertraut ist und als solche ein verbindendes Element des Mensch-Seins ist. Schmerz in seiner körperlichen Dimension kann psychisch so belastend sein, dass Menschen darunter depressiv, unter Umständen lebensmüde werden. Umgekehrt kennen wir Schmerz als Ausdrucksform psychischen Leids.

Wir haben uns für dieses Thema entschieden, um Raum zu geben für psychosomatisches Nachdenken und dabei insbesondere der Frage nachzugehen, welchen Platz in diesem Feld psychoanalytisches Denken und Verstehen einnimmt.

Wir denken dabei an das originär psychosomatische Feld der chronischen Schmerzstörungen – welche Ansätze verfolgen wir in unseren Therapien, darf das Klagen und die Körperlichkeit einen Raum finden? Wie verstehen wir den Schmerz heute, welche modernen Erkenntnisse aus Nachbardisziplinen wie der Neurobiologie helfen uns weiter und wie verändern sich hierdurch unsere Therapieansätze? Viele andere Bereiche, die in unseren Praxen und Kliniken eine Rolle spielen, werden durch dieses Thema berührt – Schmerz, der sich selbst zugefügt wird, die Lust am Leid, traumatische Erfahrungen, die sich im Schmerz widerspiegeln, Schmerzmetaphern wie Trennungsschmerz oder Herzschmerz, Schmerz als intraindividuelles sowie interindividuelles Kommunikationsmittel. Auch Gefühle werden als schmerzhaft erlebt und beschrieben – Trauer, Scham, Schuld, Eifersucht, um nur einige zu nennen.

Neben den psychotherapeutischen Facetten im engeren Sinn ist uns gerade aktuell schmerzhaft bewusst, dass wir aus vielen anderen Perspektiven hierüber nachdenken können. Das Erleben von Schmerz ist von seinen sozialen, religiösen oder ethischen Vorstellungen bestimmt und eng verwoben mit unserer Kultur. Die Passion Christi als zentrales Element christlicher Religion findet ihren Niederschlag in bildender Kunst, Literatur, Musik. Hier bekommt Schmerz eine spirituelle Dimension, die dem Schmerz einen Sinn gibt und ihn damit erträglich machen kann. Eine zeitgemäße Antwort auf die Frage nach der Leidensfähigkeit beschreibt, wie Verletzbarkeit und Bezogen-Sein auf die Welt zusammenhängen: Ein Sich-Einlassen auf den Anderen im körperlich-leiblichen und sozialen Gefüge bedeutet immer auch eine Zunahme der Verletzlichkeit.

Aus soziokultureller Sicht kann nicht nur das Individuum Schmerz empfinden, sondern auch eine Gesellschaft oder Gruppe, die etwa von kollektiven Traumata oder schmerzhaften Verlusten getroffen ist. Es ist in diesem Sinn eine kulturelle Aufgabe, sich den Schmerz als soziale Wesen in einer Gruppe anzueignen und einen Umgang zu finden, der nicht in Resignation, Rückzug oder Verleugnung endet. Gerade das Erleben von Vulnerabilität kann so Ausgangspunkt für individuelle und gesellschaftliche Veränderungen sein.

Wir hoffen, mit diesen Assoziationen zum Thema für unsere 75. Jahrestagung in Lindau Ihr Interesse geweckt zu haben und freuen uns auf sehr auf Ihre Beiträge – bitte zögern Sie nicht, sie uns bis zum 31. Janur 2024 einzureichen.