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Versorgung mit Psychotherapie ist bedroht – Demonstration der Psychotherapie-Verbände in Berlin

08.06.2026 – Pressemitteilung

In Berlin demonstrierten heute mehr als 500 Psychotherapeutinnen und -therapeuten gegen Kürzungen ihrer Leistungen und Honorare. Es drohen längere Wartezeiten und weniger Therapieplätze – dabei steigt der Bedarf an Psychotherapie. Zu der Demonstration hat die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V. aufgerufen, gemeinsam mit knapp 30 anderen psychotherapeutischen Berufs- und Fachverbänden.

Chronifizierung, teure Aufenthalte im Krankenhaus, Arbeitsausfälle, Frühverrentung: Das sind Folgekosten psychischer Erkrankungen, die Psychotherapie nachweislich vermeidet. Jeder in Psychotherapie investierte Euro zahlt sich dreimal aus, zeigen Studien. Trotzdem werden die Honorare von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten seit April um 4,5 Prozent gekürzt, weitere Kürzungen sollen mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz folgen. „Wenn Honorare in der Psychotherapie begrenzt werden, wird auch die Versorgung begrenzt – in Zeiten, in denen psychische Erkrankungen zunehmen. Das ist ein fatales Signal“, sagt Diplom-Psychologe Ronald Schelte. Der Psychoanalytiker ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V. Die DGPT hat gemeinsam mit knapp 30 weiteren psychotherapeutischen Berufs- und Fachverbänden zu bundesweiten Demonstrationen gegen die Pläne des Bundesgesundheitsministeriums aufgerufen. Heute fand in Berlin neben dem Deutschen Bundestag eine Demonstration mit mehr als 500 Teilnehmenden statt.

Die Kürzungen trifft eine Berufsgruppe, deren Vergütung sich bereits im unteren Bereich aller ambulanten Fachgruppen bewegt. Die Psychotherapie-Verbände weisen darauf hin, dass Psychotherapeutinnen und -therapeuten auch bei Vollzeittätigkeit nur halb so viel verdienen wie zum Beispiel Hausärzt*innen oder andere Facharzt-Gruppen. Gleichzeitig sei das Einsparpotenzial für die Krankenkassen gering: Ambulante Psychotherapie macht lediglich etwa 0,7 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen aus. „Die geplanten Einschränkungen werden dazu führen, dass Psychotherapeutinnen und -therapeuten insgesamt weniger Leistungen anbieten können“, so Schelte. „Dabei ist es jetzt schon für viele Menschen schwierig, einen Therapieplatz zu bekommen, insbesondere für Kinder und Jugendliche sowie alte Menschen und für diejenigen, die in ländlichen Gebieten wohnen.“ Die Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt zurzeit durchschnittlich 14 Wochen.

Ein Argument für die Kürzungen sind steigende Ausgaben für Psychotherapie. „Doch die Steigerung beruht nicht auf einem Zuwachs an Honorar pro Therapiestunde, sondern hat damit zu tun, dass mehr Patientinnen und Patienten versorgt werden müssen“, betont Schelte. Während in 2014 noch 4,61 Millionen Patient*innen mit Psychotherapie behandelt wurden, waren es zehn Jahre später bereits 7,24 Millionen. Das offenbaren Honorarberichte der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. „Der Bedarf wächst zum einen, weil psychische Erkrankungen nicht mehr so verpönt sind, zum anderen, weil die psychischen Belastungen für viele junge Leute in der Corona-Zeit so groß waren, dass sie später deutlich häufiger Depressionen und Angsterkrankungen entwickeln“, berichtet der Psychoanalytiker. Diese Dynamiken werden von der derzeitigen Bedarfsplanung für Psychotherapie gar nicht erfasst, weil sie im Wesentlichen noch auf Zahlen von 1998 basiert, so Schelte weiter. Alle Psychotherapie-Verbände fordern deshalb eine Aktualisierung, die auf neuen empirischen Untersuchungen beruht.

Die Demonstration fand am Deutschen Bundestag statt, wo zeitgleich der Petitionsausschuss über eine Petition gegen die Kürzungen beraten hat. Die Petition „Gebührenordnung für Heilberufe – Sicherstellung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung durch angemessene Vergütung“ haben über 140.000 Menschen unterzeichnet.

Über die DGPT:
Die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V. vertritt die Standes- und Berufsinteressen ihrer über 3.700 psychologischen und ärztlichen Mitglieder gegenüber der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen und gegenüber der Politik auf Bundesebene. Die DGPT versteht sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft und Berufsverband zugleich. Sie stellt Grundanforderungen für die Weiterbildung an 62 staatlich anerkannten Aus- und Weiterbildungsinstituten auf. Die DGPT ist der Spitzenverband der psychoanalytischen Fachgesellschaften Deutsche Gesellschaft für Analytische Psychologie (DGAP), Deutsche Gesellschaft für Individualpsychologie e.V. (DGIP), Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG), Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV) sowie des Netzwerks Freier Institute (NFIP).

Die Pressemitteilung wurde auch im Nachrichtendienst idw veröffentlicht.