ENTWICKLUNG UND VERÄNDERUNG

73. DGPT-Jahrestagung in Lindau, 23.-25. September 2022

Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr verehrte Gäste,

welche Konzepte haben wir, um auf Veränderungen zu reagieren, oder um Veränderungen bei uns selbst, bei anderen oder in unserer Lebenswelt zu bewirken? Aus Klinik und Psychoanalyse sind uns viele Veränderungskonzepte geläufig. Unsere Patienten sind in seelische Sackgassen geraten, da sich ihre Veränderungskonzepte als dysfunktional erwiesen haben. Indem wir Ihnen hierüber deutend eine Einsicht vermitteln, versuchen wir Entwicklung und Veränderung zu ermöglichen. Um dies zu begünstigen, schaffen wir eine therapeutische Umwelt für unsere Patienten, die Reifungsprozesse fördert. Im Zuge von Entwicklungsprozessen befassen wir uns mit Übergangsphänomenen, Übergangsobjekten und Übergangssituationen (Winnicott). Zugleich suchen wir nach einem Umgang damit, dass Patientin auf Krisen oft mit Rückzug und Abschottung (Steiner) reagieren, bzw. mit einer Regression, die weniger den Charakter eines schöpferischen Rückzugs (Kris) hat, als vielmehr mit der Fragmentierung von Strukturen einhergeht.

Auf berufspolitischer Ebene konkurrieren wir mit den Veränderungskonzepten der Verhaltenstherapie, die mit dem Versprechen schneller Veränderungen bei den Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen und in der Politik höher im Kurs zu stehen scheinen als die der Psychoanalyse. Vor dem Hintergrund des in der Psychotherapieforschung vorherrschenden Paradigmas der Evidenzbasierten Medizin müssen wir feststellen, dass auch dieses die Verhaltenstherapie begünstigt. Dies alles verlangt nach einer Antwort der Psychoanalyse und wirft insbesondere die Frage nach Veränderungskonzepten für die institutionalisierte Psychoanalyse auf.

Auch Geschichte und Politik sind durchdrungen von Veränderungskonzepten. Diese unterscheiden sich vor allem durch den Grad ihrer Radikalität: Soll ein Wandel gewaltsam erzwungen werden, etwa durch Umsturz, oder setzt man auf Entwicklung, die durch eine Politik der kleinen Schritte vorangetrieben wird? Vor dem Hintergrund der Krisen der aktuellen Zeit – von extremer sozialer Ungleichheit auf der ganzen Welt, über die Globalisierung, welche die Welt im Guten wie im Schlechten vernetzt, bis hin zum Klimawandel – scheint die Idee des Erzwingens sogar in den westlichen Demokratien neue Popularität gewonnen zu haben, vom Erstarken populistischer Parteien bis hin zur Etablierung diktatorischer Verhältnisse.

Gemeinsam scheint allen Veränderungs- und Entwicklungsprozessen eine ihnen innewohnende Ambivalenz zu sein. So treffen wir oft in unseren Behandlungen auf die Haltung „wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß“. Findet eine Entwicklung zum Guten statt, so sind wir häufig dadurch herausgefordert, dass diese von unseren Patienten als catastrophic change (Bion) erlebt wird. Freud hat sich festgelegt: Die Natur der Triebe ist konservativ, schrieb er 1920, will sagen: Im tiefsten Herzen wünschten die Menschen keine Veränderung. Alles Leben strebe danach, Ruhe zu haben. Über die Ambivalenz von Veränderungskonzepten und Entwicklungsnotwendigkeiten, in ihren klinischen und kulturpsychologischen Dimensionen, möchten wir gerne mit Ihnen auf unserer 73. Jahrestagung 2022 in Lindau diskutieren, zum ersten Mal in der neu errichteten Lindauer Inselhalle. Wir freuen uns daher sehr auf Ihre Beiträge – bitte zögern Sie nicht, diese an die Geschäftstelle der DGPT (psa(at)dgpt.de) einzureichen.

Rupert Martin, Georg Schäfer, Birgit Jänchen-van der Hoofd