ZEITDIAGNOSEN!?

72. Jahrestagung der DGPT 01. bis 03. Oktober 2021 | Online-Tagung

Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr verehrte Gäste,

Zeitdiagnosen nehmen die Gegenwart in den Blick und fordern ein Verständnis der Gegenwart aus den Entwicklungen der Vergangenheit heraus. Zeitdiagnosen finden wir im Kontext der Soziologie, der Politik-, der Geschichts- und der Kulturwissenschaft. Die psychoanalytische Zeitdiagnose ist dabei ein Spezifikum, da sie auf das Unbewusste rekurriert, auf unbewusste Konflikte, Ängste und Motive, auf Abwehrvorgänge und Kompromissbildungen, so wie sich diese auch in gesellschaftlichen Kollektiven manifestieren können.

Wir beobachten aktuell eine Vielzahl gesellschaftlicher, politischer, sozialer und ökologischer Umbrüche in unserer Lebenswelt. So erleben wir in vielen Ländern Europas ein Erstarken nationaler Kräfte, eine Renaissance der Demagogie und die Bereitstellung „alternativer Fakten“, die Wiederaufrichtung von überwunden geglaubten Grenzen bis hin zum Brexit. Wir erleben eine beschleunigte Digitalisierung in allen Lebensbereichen, die unsere Kommunikationsstrukturen grundlegend verändert. Es werden neue digitale Gemeinschaften kreiert, aber auch Abhängigkeiten von den technischen Ressourcen vergrößert. Die Digitalisierung präsentiert für Einkäufe und Dienstleistungen neue Kontroll- und Bewertungssysteme und im Social Scoring letztlich für jeden einzelnen Menschen. Zugleich wird die Vereinsamung auch in der digitalen Welt ein wachsendes Problem. Bemühungen um Selbstoptimierung unterwandern die Bindung in der Gemeinschaft und die Strukturen der Gemeinschaft. Nicht zuletzt stehen wir vor den Herausforderungen des Klimawandels und beobachten seine Verleugnung.

In unserer klinischen Arbeit sind wir mit den oben genannten Phänomenen und Parametern auf unterschiedlichen Ebenen befasst, werden Zeugen, sind und können die Vorgänge im Mikrokosmos der klinischen Situation kennen lernen. Auch in unserem eigenen Fachgebiet zeichnen sich Umbrüche ab, die von Beschleunigung und Digitalisierung bestimmt werden. Ein „technischer“ Pol bringt sich gegenüber dem kontextuellen Pol der Psychotherapie in Stellung. 

Psychoanalytische Zeitdiagnosen suchen ein Sinnverstehen, das erst unter Berücksichtigung dynamisch unbewusster Wirkfaktoren gelingen kann. Zeitdiagnosen sind eine Form der Kulturkritik, die Bewusstwerdung und Bewusstseinswandel fordert.

Im vergangenen Jahr hat uns eine Pandemie erreicht, die weltweit Veränderungen im privaten und öffentlichen Leben mit z. T. gravierenden Folgen erforderlich gemacht hat. Die Auswirkungen der Pandemie akzentuieren einige Zeitdiagnosen neu, was bei unserer Tagung Berücksichtigung finden wird. Die Pandemie macht nun erstmalig die Durchführung unserer Jahrestagung in einem Online-Format erforderlich. Wir freuen uns, Ihnen auch in diesem Jahr ein ansprechendes Tagungsprogramm anbieten zu können sowie auf Ihre zahlreiche Teilnahme mit anregenden Diskussionen zu Beiträgen aus psychoanalytischer Klinik, Forschung, Theorie und Kultur. 

Georg Schäfer - Vorsitzender       

Rupert Martin - Stellv. Vorsitzender

Ingrid Moeslein-Teising - Stellv. Vorsitzende