Aus- und Weiterbildungsinhalte

Die Entwicklung der psychoanalytischen Methode

Die psychoanalytische Methode Freuds sah die Entstehung psychischen Leidens in der unvermeidlichen Konflikthaftigkeit der menschlichen Entwicklung begründet. Mit diesem Ansatz hat Freud psychisches Leiden aus dem Randbereich der zu seiner Zeit vorherrschenden Degenerationskonzepte herausgeholt und in eine Theorie normaler menschlicher Entwicklung und der zu ihr gehörenden Gefährdungen überführt. Die psychoanalytische Methode wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts im Rahmen hochfrequenter psychoanalytischer Behandlungen (3 - 5 mal pro Woche im Liegen) entwickelt. Dabei hat sie sich immer weiter ausdifferenziert, so dass wir heute zwei „psychoanalytisch begründete Verfahren“ (G-BA) kennen, die analytische Psychotherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Beide können für Erwachsene wie für Kinder und Jugendliche, im Einzelsetting wie im Gruppensetting angewandt werden. Zudem hat die psychoanalytische Methode die Entwicklung einer Vielzahl weiterer psychotherapeutischer Verfahren jenseits der Psychoanalyse angestoßen.
Die psychoanalytische Methode als gemeinsame Grundlage von analytischer und tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie
Gemeinsame Grundlage von analytischer und tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie ist die Annahme, dass psychische Symptome entstehen können, wenn innere Konflikte und schmerzliche Erfahrungen unzureichend bewältigt werden, wobei die innere Dynamik, die das psychische Leiden aufrechterhält, dem Menschen unbewusst bleibt. Die psychoanalytische Methode macht sich zunutze, dass sich die Muster dieser inneren Dynamik auch auf die Beziehungen zu anderen Menschen überträgt. Sie geht weiter davon aus, dass die innere Dynamik eines Menschen aus bestimmten Beziehungserfahrungen erwächst, wobei frühere Beziehungserfahrungen spätere Beziehungen teilweise determinieren. Indem sich die lebensgeschichtlich entwickelten Muster der inneren Dynamik eines Menschen auf andere Menschen übertragen, und damit auch auf den Psychoanalytiker/Psychotherapeuten, werden sie erst ihrer psychotherapeutischen Bearbeitung zugänglich. Das Vergangene kann nicht mehr verändert werden, doch die Arbeit an den Manifestationen des Vergangenen im Gegenwärtigen kann die Auswirkungen des Vergangenen auf das Gegenwärtige verändern.
Unterschiede zwischen analytischer und tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie
Analytische Psychotherapie und tiefenpsychologische Psychotherapie unterscheiden sich hauptsächlich in ihrem methodischen Umgang mit den Mustern der inneren Dynamik des Patienten, die sich in der Beziehung zum Psychoanalytiker/Psychotherapeuten widerspiegeln. Da sich die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie aus der analytischen Psychotherapie herausentwickelt hat, soll Letztere zuerst vorgestellt werden.

Die Analytische Psychotherapie

In der analytischen Situation ist der Patient aufgefordert, ohne Zensur und Zeitverzug das auszusprechen, was in ihm vor sich geht. Diese „freie Assoziation“ muss im Laufe der Behandlung erst mühsam erlernt werden, und gelingt dabei nie vollständig. Dabei zeigt sich, dass das Sprechen, Handeln des Patienten und seine Gefühle von seiner Lebensgeschichte, seinen Lebenserfahrungen geprägt sind und v.a. unbewusst eine Wiederholung dieser Erfahrungen darstellen. So werden z. B. traumatische Erfahrungen und verdrängte unbewusste Konflikte in der aktuellen Behandlungssituation und in der Beziehung zum Psychoanalytiker wiedererlebt. Die Aufgabe des Analytikers ist es dabei, dies anhand der unbewussten Bedeutungen der verbalen und averbalen Mitteilungen des Patienten zu erspüren und in Deutungen umzusetzen. Indem auf diese Weise körperliche Impulse und Emotionen verbalisiert werden, wird dem Patienten ein besserer Zugang zu seinem inneren Erleben zu ermöglicht. Dies soll ihn in die Lage versetzten, angstfreier und flexibler mit seinen emotionalen Konflikten umzugehen.
Die Aufgabe des Patienten während einer psychoanalytischen Behandlung geht weit über die normale Arzt-Patient-Compliance hinaus. Während sich der Patient im somatischen Bereich dem Können seines Behandlers anvertraut, ist er in einer psychoanalytischen Behandlung in gewisser Weise selbst der Behandler und der Analytiker sein Gehilfe. Daher tritt der Analytiker dem Patienten nicht mit der Autorität eines überlegen Wissenden gegenüber, sondern stellt ihm seine emotionale Resonanzfähigkeit zur Verfügung. Auf diese Weise soll der Patient zu einem vertieften Verstehen seiner selbst gelangen.
Dieser Prozess braucht seine Zeit, denn heilsame Veränderung ist nicht in erster Linie Ergebnis intellektueller Einsicht. Heilend wirken vielmehr erlebte Einsichten, die mit starken Emotionen verbunden sind und in der Beziehung zum Analytiker wieder lebendig werden. Im Gegensatz zu den vorherrschenden Tendenzen zur kurzfristigen psycho-technischen Beseitigung von Störungen oder Defekten betont die Psychoanalyse die Notwendigkeit, sich für die Auseinandersetzung mit sich selbst Raum und Zeit zu nehmen. Die dichte Beziehung zwischen Patient und Analytiker, die sich im Rahmen von mehreren Sitzungen in der Woche über längere Zeit entfaltet, wird so zum Ort für psychische Veränderung.

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Im Gegensatz zur analytischen Psychotherapie arbeitet die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie von Anfang an mehr mit der Begrenzung, die vor allem eine zeitliche ist. Dies schlägt sich auch in den Kontingenten nieder, die derzeit von den Krankenkassen bewilligt werden: In der Regel bis 300 Stunden bei der analytischen Psychotherapie, und bis 100 Stunden bei der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie, die zudem im Sitzen durchgeführt wird. Während in der analytischen Psychotherapie die lebensgeschichtlichen Muster des Patientin in und anhand ihrer Übertragung auf den Psychoanalytiker wiederholt und durchgearbeitet werden, ist das Konzept der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie ein anderes: Hier setzt man nicht auf die Entfaltung der sich übertragenden Muster, sondern nutzt sie als Hintergrund, um Ansatzpunkte für psychotherapeutische Interventionen zu finden. Häufig wird dabei ein fokaler Ansatz gewählt, was bedeutet, dass die in der Behandlung auftauchenden Phänomene weniger aus ihrer jeweiligen Eigenlogik heraus betrachtet werden, sondern gemeinsam von einer bestimmten Perspektive her. Dies impliziert, dass der Psychotherapeut einer wesentlich aktiveren Behandlungstechnik als in der analytischen Psychotherapie folgt. Während in der analytischen Psychotherapie darauf gesetzt wird, dass der Prozess selbst etwas verdeutlicht, versucht der tiefenpsychologisch fundiert arbeitende Psychotherapeut, es aktiv ins Bild zu rücken. So haben seine Interventionen weniger aufdeckenden Charakter wie in der analytischen Psychotherapie, als vielmehr stützenden Charakter.

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie vs. analytische Psychotherapie

Beide Verfahren sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden: Es handelt sich um zwei verschiedene Anwendungen der psychoanalytischen Methode, bei gemeinsamer psychoanalytischer Krankheitslehre. Welches Verfahren zum Einsatz kommt, sollte von den Erfordernissen des Patienten her bestimmt werden. So verlangt z. B. die analytische Psychotherapie eine höhere Angsttoleranz als die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Während die analytische Psychotherapie Strukturveränderungen mehr auf dem Weg der Dekonstruktion des Alten anstrebt, damit auf diesem Boden etwas Neues errichtet werden kann, setzt die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie mehr auf eine evolutionäre Entwicklung. Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie hat aufgrund ihres geringeren Zeiteinsatzes pragmatische Argumente auf ihrer Seite, hingegen die analytische Psychotherapie das Argument der höchstmöglichen Gründlichkeit ihres Vorgehens.

Die drei Säulen der Aus- und Weiterbildung bei der DGPT

Angeboten werden a) die Aus- und Weiterbildung zum Psychoanalytiker, welche die sowohl die analytische Psychotherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie umfaßt, und b) die Aus- und Weiterbildung zum tiefenpsychologisch fundiert arbeitenden Psychotherapeuten. Beide Aus- und Weiterbildungsgängen sind  von dem oben geschilderten Verständnis des psychischen Leidens und der Möglichkeiten psychischer Veränderung abgeleitet. Seit den Anfängen der psychoanalytischen Aus- bzw. Weiterbildung in den 1920er Jahren in Berlin gehören zu ihr drei Säulen: die „Lehranalyse“ bzw. Lehrtherapie, die theoretische Aus- bzw. Weiterbildung und die praktische Aus- bzw. Weiterbildung, bei der unter Aufsicht („Supervision“) eines erfahrenen Lehranalytikers/Lehrtherapeuten eigene Behandlungen durchgeführt werden.

Lehranalyse/Lehrtherapie

Da, wie oben geschildert, der Umgang mit unbewussten Konflikten und Ängsten die Grundlage der psychoanalytisch-psychotherapeutischen Arbeit bildet, ist die Schulung der Wahrnehmung für unbewusste psychische Prozesse zentral für den Erwerb der psychoanalytischen Qualifikation. Der beste Weg dafür ist die eigene Lehranalyse/Lehrtherapie. Denn nur wer sich selbst mit seinen eigenen Gefühlen, Ängsten und Konflikten auskennt, wird die Antennen entwickeln, Entsprechendes bei seinen späteren Patienten zu spüren und zu verstehen, ohne sich dabei mit ihnen zu verwechseln und den Patienten die Last seiner eigenen unbewältigten Konflikte aufzubürden. Die Lehranalyse/Lehrtherapie steht am Beginn der Aus- bzw. Weiterbildung, noch vor dem praktischen Teil der Ausbildung, damit der künftige Analytiker zunächst eine gewisse Klarheit im Umgang mit seinen eigenen Konflikten erlangt. Sie soll sich dann auch über den größten Teil der praktischen Ausbildung erstrecken, damit der angehende Analytiker einen Ort hat, an dem er bearbeiten kann, was die Arbeit mit Patienten in ihm emotional aufwühlt.

Theoretische Ausbildung

In der theoretischen Ausbildung im Rahmen von Seminaren werden die Grundlagen der psychoanalytischen Krankheitslehre, der Entwicklungspsychologie, der Theorie der Behandlung und der Theorie der Gesellschaft und Kultur erarbeitet. Dabei soll nicht ein geschlossenes Theoriegebäude vermittelt werden, sondern ein Verständnis für die Psychoanalyse als eine Wissenschaft vom Menschen, die auf der Basis ihrer reflektierend aufgearbeiteten klinischen Erfahrung das Wissen um die Bedingungen der Entstehung psychischen Leidens sowie der Möglichkeit psychischer Veränderung stets zu erweitern und zu vertiefen sucht.

Praktische Ausbildung

Die praktische Ausbildung beginnt mit dem Erlernen der Technik von Erstinterviews. Sie setzt sich fort mit der Durchführung eigener Behandlungen unter Supervision, in der Regel im Verhältnis von einer Supervisionsstunde auf vier Behandlungsstellen. Die Anzahl der benötigten Aus- bzw. Weiterbildungsbehandlungen, so wie ihr Setting und ihre Wochenstundenfrequenz hängt davon ab, ob die Qualifikation in tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie allein, oder kombiniert mit der Qualifikation in analytischer Psychotherapie im Rahmen der Aus- bzw. Weiterbildung zum Psychoanalytiker erworben werden soll.  Neben der Supervision im Einzelsetting finden an den Instituten regelmäßig „technisch-kasuistische Seminare“ statt, in denen Erstinterviews und Stunden aus laufenden Behandlungen der Aus- und Weiterbildungsteilnehmer vorgestellt und besprochen werden.